Mittwoch, 12. Juli 2017

Aufruhr im Dachgeschoss

In Belgien ist bekanntlich alles etwas komplizierter. So gibt es dort drei Regionen, nämlich Flandern, die Wallonie und Brüssel. Die Regionen sind für gebietsbezogene Themen wie Wirtschaft, Arbeit, Landwirtschaft, Energie, Verkehr (mit Ausnahme der Staatsbahn SNCB) Umwelt, Raumordnung und Städtebau, Naturschutz, Außenhandel und die untergeordneten Gebietskörperschaften zuständig. 

Dazu gibt es drei Gemeinschaften für die drei Landessprachen: die Flämische Gemeinschaft, die Französische Gemeinschaft (die heißt wirklich so, nicht etwa französischsprachig) und die Deutschsprachige Gemeinschaft. Diese Gemeinschaften sind für die Dinge zuständig, die mit den Bewohnern und ihrer Sprache zusammenhängen: Kultur, Bildung, den Gebrauch der Sprachen, Gesundheit, Jugendschutz usw. 

Der Rest, also Finanzen, Verteidigung, Außenpolitik usw., ist Sache der föderalen Ebene.  

Alle Regionen und Gemeinschaften haben eigene Parlamente oder Räte, womit wir einschließlich des föderalen Parlaments auf sieben Parlamente mit entsprechenden Heerscharen von Ministern, Ministerialbeamten usw. kommen. 

Das ist aber immer noch zu einfach. Die Gemeinschaften entsprechen in ihren Gebieten nicht unbedingt den Regionen. So gibt es keine deutschsprachige Region, denn das Gebiet der Deutschsprachigen Gemeinschaft ist Teil der Wallonie.

Das behagt den Germanophonen schon länger nicht mehr, denn eigentlich wären sie auch gern eine Region. Immerhin haben sie es - unter geschickter Ausnutzung des Dauerstreits zwischen Flamen und Wallonen - geschafft, einiges an Kompetenzen in ihre Zuständigkeit zu ziehen. Um dem Ganzen auch nach außen hin etwas mehr den Anstrich einer eigenen Region zu geben, haben sie unlängst im wallonischen Parlament beantragt, an ihren 'Grenzen' Schilder mit der Aufschrift "Willkommen in Ostbelgien" aufzustellen.

Überhaupt sei Ostbelgien eine viel bessere Bezeichnung, zumal die Abkürzung DG für Deutschsprachige Gemeinschaft ständig mit Dolce&Gabbana oder Dachgeschoss verwechselt würde. 

Regionalminister für öffentliche Arbeiten, Maxime Prévot, lehnte dieses Ansinnen mit der Begründung ab, die Deutschsprachigen seien schließlich auch Wallonen, die halt Deutsch sprächen. 

Das hätte er nicht sagen dürfen, und das Geschrei in Ostbelgien ist mittlerweile so groß, dass es sogar die taz - die schon fröhlich von einer Region schreibt - und die Tagesschau erreicht hat. Daher und zur Klarstellung dieser kleine Artikel mit Hintergrundinformationen. 

Ach ja, noch der Vollständigkeit halber: die Region Brüssel Hauptstadt hat knapp 1.2 Mio. Einwohner, Flandern rund 6,5 Mio. und die Wallonie etwa 3,6 Mio, davon etwas über 70.000 deutschsprachige Bürger, also etwa so viele Einwohner wie Troisdorf bei Köln. 

1 Kommentar:

Torsten Kretschmann hat gesagt…

Wobei es schon eine Rolle spielt, ob man die Kompetenzen einer Region hat. So ist beispielsweise das Thema Arbeitslosigkeit in der DG völlig anders zu betrachten als in der restlichen Wallonie, dementsprechend haben sie da auch Rechte von der Region übertragen bekommen.